Zoologen und Botaniker auf der Roten Liste?!
Landesbiologentag im Stuttgarter Naturkundemuseum am Löwentor
25.10.2010Stuttgart. Amsel oder Spatz? Selbst bei vielen Biologen fehlt es heute an notwendigem Artenwissen. „Zoologen und Botaniker sind innerhalb der Biologen vom Aussterben bedroht“, fasste Dr. Karin Blessing, stellvertretende Leiterin der Umweltakademie Ba-den-Württemberg und ehrenamtliche Vorsitzende des VBIO e.V. Baden-Württemberg diese erschreckende Entwicklung beim diesjährigen Landesbiologentag zusammen. Ganz unter dem Themenaspekt des Artenwissens stand dieses Mal das jährliche Tref-fen des Verbands der Biologie, der Biowissenschaften & Biomedizin, zu dem die Um-weltakademie des Landes zusammen mit dem VBIO e.V. jetzt (Freitag, 15.10.2010) in das Stuttgarter Naturkundemuseum am Löwentor eingeladen hatte. Nicht von unge-fähr war das staatliche Museum für Naturkunde nicht nur Veranstaltungsort, sondern Partner bei der Veranstaltung. Mehr als 100 Biologen aus allen gesellschaftlichen Be-reichen diskutierten, ob Zoologen und Botaniker – also diejenigen, die sich mit Tier- und Pflanzenarten auskennen – tatsächlich schon auf der Roten Liste stünden. Die Antwort fiel mehr als deutlich aus. Fünf vor zwölf sei es, so das Ergebnis der Tagung.
Hintergrund ist, dass viele Tier- und Pflanzenarten aussterben, ohne dass dies zur Kenntnis genommen wird, nicht einmal von Fachleuten, da es immer weniger Biologen gibt, die sich mit den Tier- und Pflanzenarten auskennen. Um den Artenschutz wird es deshalb künftig schlecht bestellt sein. Dies steht ganz im Gegensatz zur Biodiversitätskonvention, die auch Deutschland unterschrieben hat und mit der sich die Bundesrepublik verpflichtet, dem Aussterben von Tieren und Pflanzen entgegenzutreten. Auch das Land Baden-Württemberg will mit seinem Aktionsplan „Biologische Vielfalt“ die Vielfalt der heimischen Tier- und Pflanzenwelt erhalten. Dafür braucht es auch in Zukunft Fachleute. Diese sind jedoch durch die Fokussierung auf molekularbiologische Themen in Gymnasien und Universitäten in den letzten Jahren zunehmend zur Mangelware geworden. Fast niemand mehr vertieft beim Biologiestudium die Fachrichtungen Zoologie und Botanik.
Neben Dr. Michael Waitzmann von der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg bestätigte auch Rainer Gottfriedsen vom Verband der Landschaftsökologen den erschreckenden Schwund an Expertenwissen und zeichnete ein drastisches Szenario für die Zukunft, wenn sich die Universitäten bei der Biologenausbildung nicht bald wieder auch auf ihre klassischen Wurzeln besinnen. „Eine Biologenausbildung, die keine Taxonomen – also Wissenschaftler, welche die verwandtschaftlichen Beziehungen von Tieren und Pflanzen bestimmen – mehr hervorbringt, ist eigentlich die Bezeichnung nicht wert,“ so Dr. Karin Blessing.
Bei der Tagung wurde deutlich, dass auch die Biologen als Naturwissenschaftler in einer globalisierten Welt nicht nur verstärkt Verantwortung für ihre Wissenschaft über-nehmen, sondern auch ihre Wissenschaft in die Dienste der Gesellschaft stellen müs-sen. Das bedeutet im Fall der Biologen, dass zur biologischen Grundausbildung an Universitäten auch die Vermittlung von Artenwissen zur Erlangung von Artenkompetenz gehört als Basis für eine nachhaltige Entwicklung.
Als positives Zeichen für die Zukunft wurden bei der Tagung 50 Abiturienten mit dem Karl-von-Frisch-Preis geehrt. Dieser steht für hervorragende Schülerleistungen im Fach Biologie. Die Preisträger wurden aus mehr als 100 Einsendungen ausgewählt.
Für sein langjähriges Engagement wurde der frühere Landesvorsitzende des LVBio Prof. Dr. Hans-Dieter Frey gewürdigt, nach 20 Jahren verabschiedet und als Ehren-mitglied des Verbandes aufgenommen.
Der VBIO ist die gemeinsame Stimme der Biowissenschaften in Deutschland. Seit Mai 2007 sind erstmals mehr als 5.000 individuelle Mitglieder, über 30 biowissenschaftliche Fachgesellschaften und 80 Institutionen in einem einzigen Verband zusammengeschlossen, der nun die Interessen von fast 35.000 Biowissenschaftlern vertritt. Nähere Infromationen unter www.vbio.de
Rückfragen
Marion Rapp
Akademie für Natur- und Umweltschutz B.-W., Kernerplatz 9., 70182 Stuttgart
Tel.: 0711/126-2814, E-Mail: marion.rapp@uvm.bwl.de