Lurchi darf nicht unter die Räder kommen

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Lurchi darf nicht unter die Räder kommen



Kaum ist der erste Schnee verschwunden, tauchen auch schon die ersten Amphibien an den Laichgewässern auf. Im Neckartal bei Stuttgart wurden jetzt die ersten Molche gesichtet. Es ist ein Naturschauspiel, das sich weitgehend im Dunkeln vollzieht, und das erste Zeichen des kommenden Frühlings überdies: Die Amphibienwanderung. Dabei geraten Lurchi und Kröte aber oft unter die Räder. “Bei etwas Umsicht muss das nicht sein”, sagt Claus-Peter Hutter, Leiter Umweltakademie Baden-Württemberg. Er ruft zum Artenschutz auf unseren Straßen auf.
Als Frösche, Kröten Unken sowie Molche und Salamander sind uns die Amphibien oder Lurche bekannt. Froschlurche die einen, Schwanzlurche die anderen. Rund 6500 Arten gibt es derzeit weltweit, in Europa aber zählt man nur etwa 90 Arten und davon in Deutschland wiederum nur 20 Die Eiszeiten haben den Lurchen im nördlichen Mitteleuropa lange hart zugesetzt. Weltweit sind viele Lurcharten bedroht. Die Umweltakademie ruft zum Schutz auf.
Viele Menschen kostet es Überwindung, Amphibien anzufassen. Kalt sind sie, fühlen sich in ihrer dünnen, mitunter warzigen Haut ledrig-feucht und zerbrechlich an. Grünlich bis braun und unscheinbar sind sie meist. In ihrem Lebenslauf spiegelt sich aber im Kleinen eines der ganz großen Ereignisse der Naturgeschichte wider: Der Landgang der Wirbeltiere vor etwa 350 Millionen Jahren. “Lurche waren die ersten - und seither vollzieht jede neue Generation in ihrer Entwicklung diesen Landgang erneut”, erzählt Claus-Peter Hutter.
“Bis auf ganz wenige spezialisierte Arten sind alle Lurche auf stehende Gewässer, also Teiche, Tümpel und Seen, als Kinderstube angewiesen.” Dort durchlaufen sie eine beeindruckende Wandlung oder Metamorphose. Die Weibchen legen ihre Eier, den Laich, ab, die Männchen befruchten ihn. Aus dem befruchteten Laich entwickeln sich zunächst Wesen, die im Wasser über Kiemen atmen. “Bei den Froschlurchen hat man ihnen einen allgemein bekannten Namen gegeben: Kaulquappen”, verdeutlicht Claus-Peter Hutter. Bis die Tiere ausgewachsen sind, wachsen ihnen Lungen, auf die sie dann die Atmung umstellen und an Land gehen. Ein Doppelleben, das auch im Namen Amphi-bios steckt.
Mit milder Witterung weckt die Natur die Lurche aus der Winterruhe. Liegt dann die Temperatur über 4 bis 5° Celcius und regnet es auch noch, dann brechen die Tiere auf zu den Laichgewässern, die Amphibienwanderung hat begonnen. Dabei sind die Tiere ortstreu, sie kehren zurück an den Ort der eigenen Geburt. Da die Landschaft auch vom Menschen genutzt und gestaltet wird, sind Schwierigkeiten vorprogrammiert. Besonders die Straßen sind für die wechselwarmen Tiere eine Gefahr. Weil ihre Körpertemperatur von der Umgebungstemperatur abhängt, vollzieht sich die Wanderung natürlich langsam. Um eine Straße normaler Breite zu überqueren, braucht eine behäbige Erdkröte schon mal mehr als eine Viertelstunde. Nicht zu vergessen, dass Erdkrötenmännchen bekanntlich etwas anhänglich sind und sich oft vom größeren Weibchen einfach mitschleppen lassen (sie sind so schon mal sehr nahe am Laich).
Die Autoscheinwerfer bremsen den Marsch zudem. Geblendet halten die Kröten auf dem Asphalt inne und hocken in der Todesfalle. “Der Tod kommt dabei nicht nur durch die Autoreifen. Auch wenn die Tiere zwischen den Rädern unters Auto geraten, kann das tödlich sein, wenn das Fahrzeug zu schnell ist”, sagt Claus-Peter Hutter. Unter dem Auto entstehen dabei nämlich in Sekundenbruchteilen so starke Luftdruckunterschiede, dass bei den empfindlichen Tieren Organe platzen können. Auch Menschen kennen diesen Effekt. Wenn sie schnell in einem Tunnel fahren, entsteht ein in den Ohren deutlich spürbarer Druck. Je schneller das Auto, desto größere Druckunterschiede entstehen.
Die Umweltakademie empfiehlt daher Rücksichtnahme auf die Lurche: “Nehmen Sie den Fuß vom Gas.” Bei Geschwindigkeiten unter 30 Kilometer pro Stunde auf Amphibienstraßen ist der Druckunterschied für die Tiere auszuhalten. Außerdem erlaubt langsames Fahren auch bequemes Ausweichen. In den Kommunen des Landes sind die Wanderstrecken der Amphibien bestens bekannt. Betroffene Straßen werden entsprechend beschildert oder sogar über Nacht gesperrt, wenn eine Umleitung möglich ist. “Dies sind Maßnahmen, die der Natur helfen. Sie sollen keine Schikane sein”, betont man bei der Umweltakademie. Man verweist zudem auf die vielen freiwilligen Helfer der Naturschutzverbände, die längs der betroffenen Straßen Schutzzäune aufbauen. Diese halten die Tiere von der Straße fern und leiten sie in Sammeleimer. Abend für Abend sind die Helfer dann auch vor Ort, tragen die Tiere über die Straße und lesen die doch über den Zaun gelangten Amphibien auf.
Aber wozu das Ganze? Es sind doch Jahr um Jahr so viele Viecher, die da über die Straße hopsen. Zunächst trügt wie so oft der Schein. Von den 20 Amphibienarten Deutschlands stehen acht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Einige davon sind fast nur in Deutschland anzutreffen - und dies, wo 2010 zum Internationalen Jahr der Biodiversität, der Artenvielfalt also, ausgerufen wurde. “Ob Gelbbauchunke, Teichfrosch oder Kreuzkröte, ob Bergmolch oder Nördlicher Kammmolch - für diese Spezies findet der Artenschutz auch auf unseren Straßen statt”, hebt Claus-Peter Hutter hervor. Und dann zeigt schon ein Zahlenspiel, wie gefährlich die Straßen für die Lurche sind.
Wenn die Tiere 15 Minuten und mehr brauchen, um über die Straße zu kommen, dann wird der Asphalt schon bei 100 sorglos gelenkten Autos pro Stunde zum unüberwindlichen Todesstreifen. “Hier liegt der Naturschutz wirklich in Ihren Händen”, appelliert man bei der Umweltakademie daher an die Autofahrer.

Weitere Informationen zu diesem und anderen Naturthemen gibt es bei Marion Rapp in der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg, Telefon 0711 - 126-2814, E-Mail Marion.Rapp@um.bwl.de, Dillmannstr. 3, 70184 Stuttgart



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