Etappe 6: Von Gibraltar zum Massa Sous-Nationalpark
Bald hat Lena, 1000 Meter unter sich, den südlichsten Zipfel Spaniens erreicht. Unter ihr zieht sich die felsige Küste entlang, an deren Felsen sich das tiefblaue Wasser des Atlantiks in weißer Gischt bricht.
Auf der anderen Seite des Meeres bauen sich die massigen Bergmassive des markokanischenAtlasgebirges auf.
Zwar hat der Wind nachgelassen, doch trotzdem braucht Lena viel Kraft, um gegen den ständig anhaltenden Luftstrom von Nord-Ost anzukämpfen, der damit droht, sie über die Weiten des Atlantiks zu verwehen.
Lena erreicht als eine der ersten Störche, die mit ihr gestartet sind, den Kontinent, auf dem sie sich von jetzt an für die nächsten Monate aufhalten wird – Afrika.
Über Marokko spürt Lena bald wieder die aufströmenden warmen Luftmassen, die über der Wasserfläche gefehlt haben. In großen Kreisen schraubt sie sich – ohne große Kraftanstrengung – in die Höhe. Die Halbinsel Tanger mit den großen Städten Tanger und Ceuta, von wo die Fähren nach Europa starten, liegt mehrere hundert Meter unter ihr. Die Menschen am Boden können sie nur als einen von vielen weißen Punkten am wolkenlosen Himmel ausmachen, die in unregelmäßigen Spiralen am Himmel kreisen.
Lena zieht zwischen der marokkanischen Küste im Westen und dem Atlasgebirge im Osten weiter. Am Abend befindet sie sich nun zwischen Meknes und Rabat, der Hauptstadt des Landes. Dort verbringt sie die Nacht zusammen mit etwa 100 weiteren Störchen. Mehrere hundert Tiere sind hier keine Seltenheit. Es ist die günstigste Route zwischen Meer und Atlasgebirge.
Am Morgen des 9. September begibt sich Lena weiter in Richtung Südwesten und überfliegt karges, von Menschen nur dünn besiedeltes Land. Gegen Mittag kann sie etwas östlich von ihr am Boden, einen hellen ungleichmäßig geformten Klecks inmitten eines grünen Bandes ausmachen. Es ist die Stadt Marrakesch, in einer fruchtbaren Oase der Haouz-Ebene gelegen und von einem Palmenwald umgeben.
Sechzig Kilometer weiter stellen sich ihr die gewaltigen schneebedeckten Bergmassive des hohen Atlas‘ in den Weg. Zwar fliegt Lena in einer Höhe, die weit über der des Gebirges liegt, trotzdem meidet sie den Flug über die hohen Gipfel. In diesen Höhenlagen sind die Temperaturen nahe des Gefrierpunktes und tückische Unwetter lassen den Flug darüber zu einem großen Risiko werden. Zudem entstehen über dem Gebirge keine Aufwinde, die für einen kräftesparenden Flug nötig sind.
Lena wählt den Weg nahe der Küste, wo die Ausläufer des Atlas‘ nicht mehr so hoch sind. Die Landschaft unter ihr wir merklich steppenartiger und nur nochein paar knorrige Steineichen beleben die steilen und von Erosion zerlüfteten Berghänge, als sie die Ausläufer des Gebirges überquert.
Schließlich sieht sie, nachdem sie den Atlas hinter sich gebracht hat, die fruchtbare Ebene unter sich liegen, die der Fluss Sous auf seinem Weg vom Atlasgebirge zum Atlantik geschaffen hat. Hier, wo der Souss nahe Agadir ins Meer fließt, befindet sich der Massa Sous-Nationalpark.
Massa Sous-Nationalpark
Der Massa Sous-Nationalpark liegt wie ein grünes Juwel zwischen den beiden Flüssen Souss und Massa, die nur wenige Kilometer entfernt, nahe Agadir in den Atlantik münden. In ihrem Delta haben die beiden Flüsse eine strukturreiche Schwemmlandebene aufgeschichtet: erhöhte Sandbänke, Buschland, Schilf- und Überschwemmungsgebiete machen das Gebiet zu einem idealen Lebensraum für viele Wasservogelarten wie Flamingos, Löffler, Marmelenten, Rallen, Fischadler, und verschiedene Möwen- und Schwalbenarten. Sogar 250 Exemplare des Waldrapps, einer der seltensten Vögel der Welt, haben in diesem Gebiet eine Zuflucht gefunden. Für durchziehende Störche stellt der Nationalpark eines der wichtigsten Habitate Marokkos dar.
Lena im Massa Sous-Nationalpark
Nach einer Etappe von über 400 Kilometern Flug landet Lena auf einer Sandbank nahe der Sous-Mündung. Schon im Anflug hat sie jede Menge Artgenossen ausmachen können, die im seichten Wasser auf ihren langen roten Beinen nach Nahrung suchen. Es mögen an die hundert Störche sein, daneben jede Menge anderer Wasservögel. Lena breitet die Flügel aus und segelt ein paar Meter von der Sandbank zu der großen Wasserfläche: hier scheinen die Chancen gut, Amphibien und vielleicht einige kleine Fische zu erbeuten.
Über der Wasserfläche streicht gemächlich ein Fischadler dahin. Plötzlich stürzt er sich wenige Meter vor Lena mit angewinkelten Flügeln und vorgestreckten Fängen ins Wasser hinunter und erscheint dann mit einem Fisch, den er mit seinen langen Krallen regelrecht erdolcht hat. Dieses Manöver hat die Fische in der Umgebung aufgeschreckt und sie sind ins tiefere Wasser zurückgezogen. Lena gesellt sich deshalb zu einer Gruppe von Störchen hinter einem Schilfgürtel, die mit nach unten gerichtetem Köpfen durch das seichte Wasser schreiten und gelegentlich mit ihren spitzen Schnäbeln einen Frosch oder einen Fisch erbeuten. Auch Lena findet genug Nahrung, bevor sie nach dem langen Tag – auf einem Bein – schläft.
Der nächste Tag beginnt angenehm, zwar ist es heiß, doch ein leichter Wind, der vom Atlantik weht, lässt die Temperatur angenehm erscheinen. Lena wird aufgrund des guten Nahrungsangebotes eine weitere Pause auf ihrem Zug einlegen und 4 Tage hier im Mündungsgebiet des Sous-Flusses verbringen.