Etappe 1: Von Rheinstetten nach Freiburg
Wenige Kilometer südwestlich von Karlsruhe liegt in der dicht besiedelten Rheinebene die 20.000-Einwohner-Gemeinde Rheinstetten. Schon 1987 begann man dort mit der Planung und konsequenten Ausführung einer Biotopvernetzung mit dem Ziel, eine strukturreiche Landschaft aus Wiesen, Gewässern und Gehölzen zu erreichen, die für die Oberrheinebene einst typisch war. Aus 90 Hektar Ackerland entstand artenreiches Wiesenland, das schonend mit dem Balkenmäher gemäht wird. Mehrere Tausend Meter Hecken wurden gepflanzt und in einem Verbund aus 30 Kleingewässern leben heute 12 verschiedene Amphibienarten. Auch geschützte Vogelarten, wie die Wasserralle oder der Zwergtaucher brüten hier. Seit 1986, als im Zuge des Weißstorchprojektes Baden-Württembergs ein Storchenpaar bei Rheinstetten angesiedelt wurde, finden auch Weißstörche dank der landschaftsökologischen Verbesserung genug Nahrung, um hier ihren Storchensommer zu verbringen und die Jungen aufzuziehen.
Lena in Rheinstetten
Heiß brennt die Sonne heute, am 20. August über den abgeernteten Getreidefeldern und auch auf das Storchennest. Schaut man von unten zum Nest herauf, so kann man zwei erwachsene Störche erkennen, die sich momentan im Nest aufhalten. Es ist Urs und das Storchenweibchen Lena, das wir in den nächsten Wochen begleiten werden. Seit Anfang April waren die beiden Störche mit dem Brüten und der Aufzucht ihrer zwei Jungen beschäftigt. Unentwegt flogen sie in dieser Zeit in der näheren Umgebung umher, immer auf der Suche nach Würmern, Mäusen, Fröschen, Schnecken, Insekten und Spinnen, die sie zum größten Teil in die hungrigen Schnäbel der Jungen steckten. Die zwei Jungtiere haben bereits vor einer Woche das Nest endgültig verlassen und zusammen mit den anderen Jungstörchen aus der Umgebung den Weg nach Süden angetreten.
Zwar wäre es jetzt noch angenehm warm für die Störche, auch Nahrung wäre genug vorhanden, trotzdem reisen sie schon jetzt, im Hochsommer ab. Das liegt daran, dass sich in dieser heißen Jahreszeit die Luft über dem Boden stark erwärmt und in Aufwinden nach oben steigt. Diese nutzen die Störche, um sich von ihnen nach oben tragen
zu lassen, um dann wie ein Segelflieger bis zum nächsten Aufwind zu gleiten.
Auch für die beiden Elterntiere, Lena und Urs ist nun die Zeit gekommen, sich auf ihre Reise zu machen. Wir wollen Lena auf ihrem Flug begleiten.
Das Storchenweibchen Lena und das Storchenmännchen Urs flattern mit einigen recht schwerfällig anmutenden Ruderschlägen von ihrem Nest über der Ebene, bis sie einen Aufwind bemerken. Lena breitet über der aufsteigenden warmen Luft ihre Flügel mit einer Spannweite von knapp zwei Metern aus und schraubt sich dann in großen Kreisen in die Höhe. Bald liegt die Oberrheinische Tiefebene, ihr Heimatort Rheinstetten und die Stadt Karlsruhe 2000 Meter unter ihnen. Lena und Urs folgen dem Verlauf des Rheins nach Süden. In der Höhe wirkt der Rhein wie ein schmales schimmerndes Band, das gut auszumachen ist. Nicht nur Störche, sondern auch andere Zugvögel nutzen u.a. den Rhein zur Orientierung auf ihrem Zug.
Gegen Nachmittag haben sie bereits über hundert Kilometer zurückgelegt und segeln nahe Freiburg zu Boden.
Ehemalige Rieselfelder bei Freiburg
Die ehemaligen Rieselfelder der Stadt Freiburg gehören mit zu den wichtigsten Rast und Sammelplätzen für die Weißstörche am Rhein. In den Zeiten vor den technisierten Kläranlagen gelangten hierhin die Abwässer der Stadt Freiburg und "rieselten" über die Felder, die so die meiste Zeit überflutet waren. Eine Sumpflandschaft mit Schilf, Iris, Rohrkolben, Wasservögeln und Amphibien stellte sich ein. Auch die Störche nutzten diese künstlichen Feuchtgebiete zur Rast und noch heute treffen sich hier jedes Jahr Hunderte von Störchen. Seitdem hier keine Abwässer mehr verrieselt werden, wird versucht, ein Teil der Flächen mit Wasser aus Gräben wenigstens zeitweise zu überstauen, um dieses wertvolle Trittsteinbiotop für die Zugvögel zu erhalten.
Lena an den Rieselfeldern
Lena und Urs sind mit flatternden Flügeln auf der Wiese neben der Wasserfläche gelandet. Sie sind nicht die ersten Störche, die hier eingetroffen sind. Etwa 60 Artgenossen staksen bereits auf ihren langen roten Beinen durch das seichte Wasser. Gelegentlich kann man das laute, typische Klappern eines aufgeregten Storches vernehmen, das den Vögeln im Volksmund den Namen "Klapperstorch" eingebracht hat. Auch Lena und Urs begeben sich im flachen Wasser auf Nahrungssuche. Wenige Zeit später kann man nicht weit entfernt das Geräusch eines Traktors vernehmen, der mit seinem Mähwerk das hohe Gras einer Wiese mäht. Daraufhin verlässt ein Großteil der Störche, darunter auch Lena, das Wasser und fliegt zu der frischgemähten Wiese. In einer großen Schar folgen sie dem Mähdrescher, der hinter sich eine Vielzahl an Insekten, Würmern und Kleinsäugern zu Tage befördert, die von den Störchen mühelos erbeutet werden können. Lena stillt ihren Hunger mit mehreren Insekten und einer Ringelnatter, die von den scharfen Messern des Mähers in zwei Hälften zerteilt wurde.
Aufgrund des guten Nahungsangebotes verbringt Lena auch die nächsten zwei Tage an diesem Ort und sucht in den Wasserflächen der Rieselfelder nach Nahrung. Am Mittag des 23. August nutzt sie die starken Aufwinde, um schnell an Höhe zu gewinnen und den Weiterflug anzutreten.