Hochwasser- und Klimaschutz
Zukunftssicherung für Mensch und Natur
Tagungsergebnisse
Bei der Veranstaltung, die als Beitrag zum UN-Jahr des Wassers ausgerichtet und in Zusammenarbeit mit der Wasserwirtschaftsverwaltung vorbereitet wurde, waren 130 Teilnehmer vor allem aus den Kommunen (Bürgermeister, Stadtbaumeister, Leiter von Stadtplanungsämtern), den Landratsämtern, der Wasserwirtschaftsverwaltung sowie von Planungsbüros anwesend. Es ergaben sich bei der am 18.02.2003 in Vaihingen/Enz stattgefundenen, im Wesentlichen folgende neue beziehungsweise aktuelle Erkenntnisse bei der Berücksichtigung und Bewertung möglicher Folgen des Klimawandels für den Hochwasserschutz.
Themenkreis 1: Klimaforschung und Naturkatastrophen
- Hochwasser muss noch mehr als bisher als ein komplexes Naturereignis verstanden werden.
- Die Einschätzung und Bewertung der Veränderungen und Auswirkungen des Klimawandels auf die Hochwasserentwicklung sind ebenfalls komplex.
- Nach den Untersuchungen des Fraunhofer Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) ist von folgenden Vorhersagen auszugehen: Die globale CO2-Konzentration wird bis zum Jahre 2100 von 368 ppm (2000) auf 540-970 ppm steigen, die globalen mittleren Oberflächentemperaturen um zwischen +1,4 °C und +5,8 °C.
- Die Folge ist eine Zunahme von (Extrem-)Niederschlägen, Trockenperioden, Hochwasserereignissen, Niedrigwasserperioden, Gewittern und Stürmen.
- Einig sind sich die Wissenschaftler in der Feststellung, dass Mitte der 1970er-Jahre eine Veränderung im Wettergeschehen eingetreten ist.
- KLIWA (www.kliwa.de): Die statistischen Untersuchungen ergeben folgendes: Bei einer langfristigen Betrachtung (Zeitreihen länger als 70 bis 150 Jahre) ist von Ausnahmen abgesehen kein deutlicher Zunahmetrend von Hochwasserereignissen ablesbar. Betrachtet man dagegen nur die letzten Jahrzehnte ab den 1970er-Jahren, stellt sich häufig eine signifikante Zunahme dar.
- Verändertes Winterklima: Prof. Dr. Hans-Joachim Caspary (FH Stuttgart) macht geltend, dass bei der Einschätzung der Hochwasserentwicklung vor allem die Großwetterlage zwischen Atlantikküste und Ural/Nordpol und Sahara und die daraus resultierenden Extremwetterlagen berücksichtigt werden müssen. Demnach verlagern sich seit den 1970er-Jahren durch Veränderungen (Fehlen) des Kaltlufthochdrucks in Mitteleuropa zunehmend die winterlichen Niederschläge vom Mittelmeerraum nach Mitteleuropa (azonale Wetterzyklen). Damit eingehergehend ist ein Trend zur Zunahme sowohl der Häufigkeit als auch der maximalen Dauer von winterlichen Niederschlagsereignissen (inzwischen teilweise 10 Tage und länger), sowie eine Zunahme der Häufigkeit von Winterstürmen festzustellen. Die Winterniederschläge sowie die winterlichen Extremniederschläge seien in weiten Teilen Baden-Württembergs in etwa 100 Jahren bezogen auf das langjährige Mittel um 30-40% angestiegen.
Caspary geht auch zukünftig von einer deutlichen Verschärfung des Hochwasserrisikos in einzelnen Gebieten Südwestdeutschlands infolge eines veränderten Winterklimas aus. Dabei handele es sich zwar nicht um ein flächendeckendes, aber um ein sehr ernstzunehmendes regionales Problem. - Auch KLIWA geht von einer deutlichen Zunahme der winterlichen Starkniederschläge und damit der Hochwasserspitzen im Winter und darüber hinaus von einer geringfügigen Abnahme der extremen Nass- und Trockenperioden im Sommer aus. Die mittleren jährlichen Temperaturen in Baden-Württemberg hätten in den vergangenen 70 Jahren deutlich um etwa 1 °C (im Raum Karlsruhe im August 1,7 °C und im Dezember 2,6 °C) zugenommen.
Die winterliche Hochwassergefahr könne dadurch verstärkt werden, dass die Schneedeckendauer in den tiefen und mittleren Lagen kürzer geworden ist; dadurch fallen Niederschläge dort vermehrt nur als Regen und weniger als Schnee, damit nehme die Retentionsfunktion des Schnees ab - Veränderte hydraulische Voraussetzungen: Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. mult. Franz Nestmann (Uni Karlsruhe) weist aufgrund neuer Forschungen darauf hin, dass die Morphodynamik der Flüsse (ausbaubedingte Vertiefung des Flussbettes etwa am Rhein, Tiefenerosion) bei Wasserstandsvergleichen bisher nicht berücksichtigt wurde.
- Fazit: Prinzipiell gilt es zukünftig mit einem "Mehr" an Wasser in den Wintermonaten und einem "Weniger" an Wasser in den Sommermonaten zu leben. Das erfordert ein neues Bewusstsein im Umgang mit saisonal veränderten Niederschlags- und Hochwasserereignissen.
Themenkreis 2: Folgen und Konsequenzen
- Die zunehmenden Niederschläge können zu einer stärkeren Erosion mit stärkeren Düngeeinträgen aus landwirtschaftlich genutzten Flächen führen.
Hochwasser-Flächenmanagement
- Verwundbarkeit von Flusseinzugsgebieten reduzieren und Teilsysteme stärken
- das Messnetz der Abflusspegel und Niederschlagsstationen optimieren (Redundanz), nicht abbauen
- Statistik der Extremniederschläge für Baden-Württemberg aktualisieren
- Szenarien hinsichtlich der Überströmung von Deichen entwickeln
- Bedrohte Gebiete nicht überbauen: vermehrt Überschwemmungsgebiete ausweisen
- Realisierung von Bauverboten in der Bauleitplanung über Vorgaben der Raumplanung nach dem Beispiel des konsequenten Vorgehens des Regionalverbands Nordschwarzwald
- Wasserkreisläufe in den Kommunen stärken.
Technischer Hochwasserschutz
- Fehlplanungen vermeiden: Vor dem Ausbau von Mischwasserkanälen Maßnahmen der Regenwasserbewirtschaftung vorsehen. Abwasser-Kanalnetze im Zuge von ohnehin fälligen Sanierungen überprüfen, ob gesonderte Fremdwasserkanäle möglich sind.
Hochwasservorsorge
- In hochwassergefährdeten Gebieten insbesondere die EDV (v. a. die Rechenzentren von Banken u. ä.) hochwassersicher installieren
- Nach Darstellung der Münchener Rückversicherungsgesellschaft wird es in den bisherigen 3 Risikokategorien nur noch in 2 Bereichen (mittlere und risikolose) eine Versicherbarkeit geben. In der Risikokategorie 1 (Gebiete, in denen Hochwasser in kürzeren Abständen als alle 10 Jahre auftreten) wird eine Flutversicherung wegen der hohen Gefahr und wegen der hohen Finanzierung in der Regel nicht mehr möglich sein
- Auf die Feuerwehr und den Katastrophenschutz kommt eine vermehrte Alarmierung zu. Die Landesfeuerwehrschule regt eine Prüfung dahingehend an, ob die anfangs der 1990er-Jahre gemeinsam von Akademie, Referat 55 und Landesfeuerwehrschule durchgeführten Hochwasser-Schulungen auf Kommandanten-Ebene wieder aufgenommen werden sollten.
Vollständige Tagungsdokumentation in dem Band von Peter Fuhrmann & Claus-Peter Hutter (Hrsg., 2004): Klimaschutz und Hochwasservorsorge. Zusammenhänge und Konsequenzen für die kommunale Planungspraxis. Dokumentation der Fachtagung "Klimaschutz und Hochwasservorsorge – Zukunftssicherung für Mensch und Natur". Beiträge der Akademie für Natur- und Umweltschutz, Bd. 33, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart. 136 Seiten, mit farbigen Illustrationen. ISBN 3-8047-2058-7. € 19,80. Im Buchhandel erhältlich.